26.05.2026
Zwei Tage klopfen im Eschholzpark
Ein Wochenende hatten Steinmetzinnen und -metze aus 20 Ländern Zeit, um aus einem Klotz Kunst zu formen. Erstmals seit 2014 gastierte das Europäische Steintestival wieder in Freiburg.
Von Anja Bochtler
FREIBURG
Es ist eine besondere Atmosphäre mit eigener Geräuschkulisse: „Es klopft überall“, sagt Saskia Barthe. Sie liebt đas und Klopft auch mit. Konzentriert beugt sie sich über das Stück Sandstein vor ihr, hämmert nach und nach Blumenformen heraus. Bei ihr ist am Samstagmittag bereits mehr zu sehen als bei vielen anderen die an ihren Steinen am Rande der Wege im Eschholzpark vor sich hinwerkeln. Doch Saskia Barthe we1ß: „ich muss trotzdem Gas geben.“ Sie hat s1ch ein kompliziertes Motiv vorgenommen, ein Wesen, das gleichzeitig Baum und Mensch ist mit Wurzeln und einem Gesicht, mit Blumen und Pfifferlingen, „Mutter Erde“ nennt sie es, passend zum Festival-Thema „Vielfalt im Garten“.
Am Samstagmorgen ging es los, bis Sonntagnachmittag müssen alle Werke fertig sein. Dann werden sie versteigert.
Die Einnahmen finanzieren das Festival. Vor zehn Jahren hatte Saskia Barthe, die aus Kehl stammt, nach der Realschule ihre Ausbildung zur Steinmetzin und Steinbild-hauerin begonnen, seit einem Jahr ist sie Meisterin. Mittlerweile arbeitet sie mit ihrem Freund, der denselben Beruf hat, im Steinmetz-Betrieb seines Vaters in Ludwigsburg. Schwerpunkte seien Grabgestaltungen und Restaurierungen, sagt sie. ,,Aber wir machen alles – alles, was aus Naturstein ist.“ Weil es inzwischen bei körperlich anstrengenden Einsätzen Maschinen und andere Hilfsmittel gebe, nehmen die Frauen immer mehr zu, ist ihre Beobachtung.
Auch am Europäischen Stein-Festival nehmen viele Frauen teil. Unter den Älteren sind einige, für die ihre Arbeit mit den Steinen einfach nur ein Hobby ist. Janet Taylor aus Yorkshire hat früher als Unterrichtsassistentin in Schulen gearbeitet, jetzt ist sie Rentnerin, mit einem Kurs bei Bildhauern ist sie eingestiegen. Anfangs sei es nicht einfach gewesen, mit der Werkzeugen umzugehen, erzählt sie, doch sie sei ein praktisch veranlagter Mensch und bald gut zurechtgekommen. Beim Bildhauern kann sie wunderbar entspannen: ,,Es wirkt gegen Stress“, findet sie. Vor einem Jahr fand das Festival im britischen Halifax statt, da war sie dabei. In Freiburg und in Deutschland ist sie zum ersten Mal, nur für zweieinhalb Tage. Das Münster hat sie kurz gesehen, ansonsten bleibt keine Zeit für touristische Touren. Auch Carmen Bahle ist zum ersten Mal in Freiburg – sie hatte einen besonders weiten Weg: Sie ist zwar Deutsche, lebt aber seit ihrem Ruhestand seit vier Jahren in Juuka im Osten Finnlands. Davor hatte sie in Brandenburg als technische Ingenieurin gearbeitet, mit ihrer Familie aber seit 26 Jahren alle Urlaube in Finnland verbracht. Im Ruhestand hat sie sich nicht nur ihren Traum vom Leben in Finnland er füllt, sondern auch ihren Jugendwunsch nach der Kunst. Eigentlich hätte sie nach dem Abi gern Kunst studiert, doch in ihrer damaligen Heimat DDR hätte sie zehn Jahre auf einen Studienplatz warten müssen. Gemalt und gezeichnet hat sie immer, dass sie zum Bildhauern finden würde, hätte sie früher nicht gedacht. In den Vorjahren war sie bei den Europäischen Festivals in Budapest und Halifax, jetzt ist Freiburg dran. Sie will vor allem Kontakte knüpfen, dazu eignen sich Festivals ideal.
Dass das Europäische Stein-Festival diesmal wieder in Freiburg stattfinde, freut die Initiatoren ganz besonders. Der Verein „Stein und Kultur“ unterstützt bei der Organisation die direkt am Eschholzpark gelegene Friedrich-Weinbrenner-Gewerbeschule, die 1999 das erste Europäische Stein-Festival veranstaltet hatte. Die Schule zieht mit ihrer Steinmetz-Ausbildung junge Menschen bundesweit an. Damals wollte sie testen, wie sich ihre Stein- metzinnen und -metze international bewähren würden, erzählt Hans Lehmann. Er hat die Schule bis 2014 geleitet und das Festival mit Bernward Fiedler entwickelt. Zunächst fand es in Munzingen statt, wo Bernward Fiedler lebte, später im Eschholzpark. Als Hans Lehmann 2014 in den Ruhestand ging, habe Frankreich die Regie übernommen, erzählt er. Nach zwölf Jahren in anderen Ländern war nun wieder Freiburg dran.
Quelle BZ-Freiburg vom 18.Mai 2026